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Gerold Schlegel • Hof Marani • Georgien

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Georgien

Ein Sorbet. Wer eine Destination sucht, ist hier falsch. Wer ein Argument sucht, liest weiter.

Georgien

Georgien war mein Stresstest. Weniger Geld. Mehr Konsequenz. Echte Freiheit. Hier erlebst du, wie ein starkes, gutes Leben ohne Show und ohne dickes Konto aussieht — und was es von dir verlangt.

Georgien war kein Plan. Es war ein Wochenendseminar.

 

Scholarium, Thema Geopolitik Kaukasus — und plötzlich stand ein Land auf dem Radar, das ich auf der Karte kaum gefunden hätte. 1985 das erste Mal in Afrika — Kapstadt, die Kochlektion. Danach fast zwanzig Jahre nicht mehr. Die Angst hängen zu bleiben hielt mich davon ab. Wer das versteht, weiss was dieser Kontinent mit einem macht. 2004 dann doch wieder. Und danach Jahr für Jahr, oft mehrmals — Südafrika, Namibia, Botswana, Sambia. 2018 das letzte Mal: Kenia, Tansania, Malawi. Dazu viele andere Paradiese auf der Welt. Ein Alterssitz in Afrika war trotzdem nie eine Option.

 

Georgien ist mit all dem nicht vergleichbar. Einzig das «Ganz oder gar nicht» kennen beide: wer ankommt, liebt es bedingungslos — oder meidet es für immer. Kein Mittelweg, keine Gleichgültigkeit. Man weiss sofort ob man bleibt oder flieht.

 

Dann kam Regina. Seit Januar 2011 teilen wir dieses Leben. Sie ist der kreative Kopf, das Sprachgenie — tschechisch geboren, russisch als Muttersprache, und in Georgien der Schlüssel, der Türen öffnet die ohne sie verschlossen blieben.

 

Dann der erste Besuch. Und Giorgi — eine Supra-Einladung von einem völlig Fremden mitten auf der Strasse. Ohne Hintergedanken, ohne Rechnung.

Es waren die Gerüche. Die Freundlichkeit. Ein östliches Tempo: langsamer, wärmer, weniger optimiert. Uralte Kochmethoden neben sowjetischen Plattenbauten, Polyphonie neben Plastikstühlen, 8000 Jahre Weinkultur neben dem nächsten Supermarkt. Vielfalt und Widerspruch auf jedem Meter.

Wir leben heute in Marani.

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Ein Dorf, dessen Namen wir damals nicht kannten. Marani — das georgische Wort für Weinkeller, für einen Ort an dem Wein nicht nur gelagert, sondern fast rituell bewacht wird. Für Georgier ein fast heiliger Raum. Es fühlt sich an, als hätte das Land uns ausgewählt, nicht umgekehrt.

 

Integration in Georgien bedeutet für uns: entdecken und probieren. Auf den Markt gehen, mit dem arbeiten was da ist, saisonale Vielfalt als Prinzip. Ziegenkäse im Ziegenfell gereift. Atchma. Abchasuri. Wissen, was ein Satsnakheli ist. Wissen, wo Qvevri von Hand getöpfert werden. Märkte in unterschiedlichen Regionen besuchen, lokale Produzenten kennenlernen, die Vielfalt entdecken die entsteht wenn man sich auf das Land einlässt statt es umzuformen.

 

Viele Auswanderer exportieren ihr Zuhause. Sie klagen über fehlenden Käse, vermisste Wurst, den falschen Kaffee. Sie leben in einer Komfortzone mit Postleitzahl — und merken es selbst am wenigsten. Wir haben das in der Schweiz genauso gemacht. Hier machen wir es anders.

 

Giorgoba — der Tag des Heiligen Georg, Schutzpatron des Landes. Wer als Auswanderer diesen Tag einordnen kann, hat begriffen wo er lebt. Wer ihn übersieht, lebt noch anderswo.

 

Wer die Supra nur als Abendessen versteht, verpasst das Wesentliche. Die Supra ist über Jahrhunderte gewachsen — aus purem Überlebenspragmatismus. Perser, Mongolen, Osmanen, Russen: Georgien war fast immer besetzt. Der gemeinsame Tisch war der einzige Raum, in dem Feind und Gast gleichzeitig sitzen konnten, ohne dass Blut floss. Wein, Brot, Fleisch statt Papier und Verträge. Das ist keine Folklore. Das ist destillierte Diplomatie.

Der Tamada ist eine soziale Technologie die der Westen vergessen hat. Er führt. Er gibt Tempo und Themen vor. Alle trinken reichlich — und geben alles daran, es nicht zu zeigen. Führung durch Haltung, nicht durch Regeln.

 

Familie zuerst. Immer, ohne Diskussion, ohne Ausnahme. Kein Chef der Welt schlägt einen kranken Vater. Dann die Gemeinschaft — Nachbarn, Dorf, Sippe. Ein Netz das kein Sozialstaat ersetzen kann. Eigenverantwortung ist in Georgien kein Modewort. Sie ist die Betriebsanleitung. Nicht aus Ideologie. Aus Erfahrung.

 

Georgien ist ein Dorf. Was man tut wird gesehen. Was man ist wird weitererzählt. Wir werden an Orten angesprochen, weit weg von Marani, von Menschen die wir nie getroffen haben: «Kennen Sie das Paar aus Marani?» Das ist Reputation — verdient durch Haltung, nicht durch Marketing.

 

Patriarch Ilia II., der dieses Jahr starb, hat das Land wie kaum ein anderer geprägt. Er hat über 10'000 Kinder persönlich getauft — als Pate, als Familienmitglied. 60% der Bevölkerung war an seiner Beerdigung. Das ist keine Trauer. Das ist ein Volksentscheid über das was zählt.

 

Georgien liegt genau am Schloss des Landwegs zwischen Europa und Asien. Der Mittlere Korridor verläuft mitten durch das Land. China braucht ihn für den Handel. Russland braucht ihn zur Umgehung der Sanktionen. Beide werden Georgien deshalb nie vereinnahmen — ein besetztes Georgien ist für beide wertlos. Das ist keine Hoffnung. Das ist Interessenrechnung.

 

Den Osten traue ich wirtschaftlich mehr zu als den Westen. Der Westen ist vollgefressen. Der Osten ist hungrig. Hunger ist der bessere Motor.

Westgeorgien: wirtschaftlich zu klein für grosse Interessen, gross genug für ein eigenständiges Leben. Fruchtbarste Böden. Bodenpreise die ohne Bank finanzierbar sind. Schwieriges Land. Schwierige Sprache. Schwieriges Klima. Genau richtig für Menschen die jung im Kopf bleiben wollen.

 

Nach drei Tagen im fremden Land war klar: Das wird unser Alterssitz. Solche Entscheide treffe ich mit dem Bauch. Der Kopf kam später — und hat nur noch bestätigt. Wer entschieden hat, kann korrigieren. Das ist wie Fahrradfahren: in Bewegung ist es steuerbar. Im Stillstand kippt es.

 

Manche Entscheide trifft man nicht.

Man erkennt sie.

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