Georgien, die vernachlässigte Perle

November 6, 2019

Als ich Georgien vor etwa 8 Monaten erstmals auf den Radar bekam, staunte ich nicht schlecht. Auf dem Weltindex für Sicherheit der Bürger und Unternehmerfreundlichkeit liegt Georgien vor dem 7. Platz – weltweit. Die Schweiz kommt viel später. Das hat mich derart überrascht, dass ich mehr Recherche betrieb.

 

 

Georgien ist im Schnellzugstempo durch die Kinderstube gerauscht, um erwachsen zu werden. Vom frei schwimmen gegenüber der UDSSR über Bürgerkrieg direkt ins neue Jahrtausend. Pferdewagen und Handarbeit sind nach wie vor aktuell. Die modernsten Bauten von berühmten Architekten bis zu alten Monumenten und Heldenverehrung gleich daneben. Mir ist weder in Afrika noch sonst auf der Welt ein Land bekannt mit derartiger Entwicklung, innert 10 Jahren. Gleichzeitig sind Gesetzeslücken der EU geschickt genutzt worden. Steuergesetze wurden angepasst, Behördenadministration erheblich reduziert und die Erteilung von Aufenthaltsbewilligungen vereinfacht. Ausländer und Investoren sind herzlich willkommen. Alles unternommen, um das Unternehmertum zu fördern und sich Vorteile gegenüber anderen mächtigen Anziehungspunkten (EU, Steueroasen) zu schaffen. Liberalere Gesetze sind mir bisher weltweit keine begegnet.

 

 

Die Kehrseite dieser Entschlackung ist, dass die Infrastruktur hinterherhinkt. Hauptverkehrsachsen Ost-West erinnern mich sehr an den Walensee der 70er und 80er Jahre, den das Trio Eugster mit «Qualensee» besang. Jedes Wochenende fast endlos anmutende Autokolonnen. Im Schritttempo ging es von Flums, dem Autobahnende, bis Ziegelbrücke. Und umgekehrt ging es genauso ins Wochenende für die vielen werktätigen «Heimwehbündner» und die Ferienhausbesitzer in Graubünden. So kam es mir vor, als wir uns über die Berge quälten und LKW und andere Fuhrwerke die Tempi stark drosselten. Reisegeschwindigkeiten von 40-50 km/h sind ein Wunschtraum, sobald es in die Höhe oder von der Hauptverkehrsachse weg geht. Je abgelegener die Täler und entlegener die Dörfer, umso geringer ist die Durchschnittsgeschwindigkeit. Also die Infrastruktur bezieht sich nicht nur auf die Strassen, sondern auch auf die Einkaufsmöglichkeiten.

 

Geopolitisch hat Georgien eine ausserordentliche Lage mit seinen Nachbarn und der geschichtlichen Entwicklung. Dazu die Nähe zu Tschetschenien (letzten Tartaren der Welt, daher der Widerstand), Syrien, Iran und Irak sowie die direkte Angrenzung an Dagestan, Russland, Türkei, Armenien und Aserbaidschan. Georgien ist quasi der Puffer und die Insel der Ruhe in dieser Region. Gleichzeitig haben viele Georgier die Russen immer noch in den Knochen. Andererseits wollen viele Junge in die EU. Je nachdem mit welcher Generation gesprochen wird, kommt Verehrung oder Abscheu gegenüber den Russen zum Ausdruck. Doch dazu später an anderer Stelle mehr.

 

 

Klimatisch ist das Land mit vier Hauptzonen und 16 weiteren kleineren Klimazonen ausserordentlich vielfältig. Entsprechend schwierig sind Wettervorhersagen. Der grosse Kaukasus im Norden hält Schnee und Regen ab aus Russland. Der kleine Kaukasus im Süden hält die kalten und heissen Winde aus dem Iran ab. Das führt dazu, dass, salopp gesagt, je weiter ostwärts ich in Georgien reise, umso trockener wird die Region. An der Küste des Schwarzen Meeres gibt es die höchsten Niederschläge. Der grosse und kleine Kaukasus schirmt vieles ab. Die Wirkung ist wie ein Kanal für Georgien. Dazu kommt: die Grossstadt Tiflis liegt in etwa auf der gleichen Höhe wie Rom, Madrid, Philadelphia, San Francisco etc. Das Klima ist gemässigt bis mediterran. Die Temperaturen sinken im Winter kaum auf minus 2 Grad ab und bewegen sich mehrheitlich um 3-5 Grad im Plus. Es sei denn, ich gehe in die Berge. Dort ist erst bei über 5'000 Meter Schluss. Landschaftlich ist Georgien unglaublich abwechslungsreich.

 

 

Dazu wollte ich mehr wissen und das hat dazu geführt, dass ich jetzt zwei Wochen im Schnellzugtempo das Land besichtige. Erstmals seit über einem Jahr zusammen mit meiner Partnerin Regina. Ja, am 1. November 2018 habe ich mich allein auf die Reise gemacht. Seither war und bin ich unterwegs. So war viel Platz für meine Buchre­cherche und meine persönliche Reflexion. In 39 Berufsjahren kommt einiges zusammen, und ich will die Grundlagen für meinen nächsten Lebensabschnitt gestalten. Klar war: ich will meine Erfahrungen und Kontakte weitergeben. Daraus ist das Buchprojekt entstanden.

 

 

Über diese Zeit ist mir eines besonders deutlich geworden: wenn ich ein sorgenfreies Leben im Alter haben will, nutze ich am besten die Strukturen und das Vorgehen Reicher. Die Ernährung, der Schlaf, der Sport, der Alkohol, das Unternehmertum und das Geld – wenig wird dem Zufall überlassen. Ich erinnere mich gerade an die Traditionen der Verheiratung. Deshalb bin ich der Meinung, eben das Verhalten und Vorgehen der Reichsten bei mir selbst anzuwenden. Das führt eher zum Ziel, anstelle mich mit den Reichsten zu vergleichen. Ich spreche ausdrücklich hier nicht von Riesenvermögen, sondern von mir als einfacher Bürger, der unter der Last der staatlichen Abgaben und Kosten sich immer weniger leisten kann. Und das ständige weiterdrehen an der Kostenschraube führt zu einem Ungleichgewicht. Gefördert durch die letzten 10 Jahre, in denen die Umverteilung vom Mittelstand zu den Reichsten die neue Norm war. Denn diese Gruppe hat von den «Ramschzinsen» unmittelbar profitiert, indem sie sich in unvorstellbaren Dimensionen verschuldet haben. Genau da spielen meine Erfahrungen aus Georgien und meinen Reisen eine zentrale Rolle, wobei mir das zu Beginn so nicht klar war.

 

Die fruchtbarsten Böden in Europa, d.h. Eurasien haben die Ukraine und Georgien. Viele Sünden des Westens haben in Georgien durch die Geschichte bis 2008 und das fehlende Geld nicht stattgefun­den. Seien es die Plastikfelder/-hallen für den Gemüse- und Früchteanbau (Erdbeeren) wie im Süden Andalusiens oder die Monokultur auf Acker und im Stall im Westen. Die Mittel und Maschinen haben schlicht gefehlt in Georgien. Obwohl 60 % der Bevölkerung von der Landwirtschaft lebt, steuert diese nur 10 % an das gesamte Einkommen von Georgien bei. Bausünden sind erst am Entstehen mit den Bauten aus dem Westen. Betonklötze viereckig quadratisch, ohne handwerkliches Können, tauchen immer mehr auf, genau wie auch Einfamilienhäuser. Obwohl Land ohne Ende vorhanden ist, entstehen hier die gleichen verdichteten Siedlungen, wie sie in der Schweiz üblich sind. Schade. Doch vorläufig ist diese Art des Bauens noch stark in der Minderheit.

 

 

 

 

 

 

Klingelkasten, Neubau, Brunnen, Hausfassade

 

 

Die geringen Steuereinnahmen führen dazu, dass die Infrastruktur und Strassen nicht dem europäischen Standard entsprechen. Dasselbe mit den Häusern, doch darum existieren oft erstaunliche Altstädte. Das Alte bleibt stehen bis es zusammenbricht. Oder es wird sogar gestützt. In Tiflis ein üblicher Vorgang. Was Berlin früher mal war: eine Stadt mit heruntergekommenen Vierteln und Häusern mit viel Kunst und Partyleben - genau das ist heute Tiflis. Eine Augenweide der Gegensätze und der Vielfalt. Doch langsam ziehen die bekannten Marken aller Weltstädte auch hier ein. Digitale Nomaden haben Tiflis im Sturm erobert. Wie lange ist der Ort so einmalig und gegensätzlich? So viele Ecken und Kanten und gar nicht auf Tourismus ausgerichtet! Das steckt alles noch in den Kinderschuhen. Also: wer sich nützlich machen will, die Georgier heissen alle herzlich willkommen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Teilweise, behaupte ich, ist Afrika mit Tansania oder Kenia viel besser aufgestellt, was die Infrastruktur, Strom, Wasser und Strasse betreffen. Sie haben auch aufgrund der Rohstoffe viel mehr Unterstützung aus dem Westen erhalten. Oder ist das schlechte Gewissen der Motivator der Geldflüsse? Quasi eine Art Ablasshandel für die früher geleisteten Schandtaten? Die Parallele, die ich zwischen Afrika und Georgien erkennen kann: China ist hier genauso am Drücker, wie in Afrika. Der Westen fehlt gänzlich komplett.

 

In Georgien bauen die Chinesen Strassen wie die Verrückten. Georgien soll der neue Hub für den Warenumschlag in den Osten und Westen werden. Ende Oktober fand der zweitägige «Silk Road Kongress» in Tiflis statt. Zufällig traf ich den Verantwortlichen einer internationalen Transportfirma und konnte mich ausführlich mit ihm unterhalten. Aus Georgien soll der HUB der Logistik für Ost-/Westverkehr des Stückguttransportes entstehen. Die Logistikgebäude in der Nähe von Schiff-/Flughäfen, Verkehrsknotenpunkte etc. sind sogar für mich als Laie erkennbar. So wie Jim Rodgers Singapur oder Marc Faber Thailand wichtige Schaltstellen erkannten und ihren Wohnsitz vor der breiten Masse dorthin verlegten. Genauso habe ich vor, meinen Wohnsitz nach Georgien zu verlegen. Für mich ein aufstrebendes Land von Ländern umgeben mit vielen hungrigen Menschen. Damit meine ich die Mentalität zu lernen, etwas zu bewegen, besser zu werden, wirklichen Nutzen schaffen und sich einen Platz an der Sonne erarbeiten. Weg von der Armut. Der Gegensatz in der Schweiz ist der Wohlstand, er hat uns bequem gemacht, ähnlich wenn ich mich der Völlerei hingebe. Die Zeche ist danach zu bezahlen. Ich will mir bevor die Masse vor Ort ist meine Zukunft in Georgien aufbauen d.h. meinen 3. Lebensabschnitt dort verbringen. Was macht mich so sicher macht? Die Leser wissen es ja bereits, im entstehenden Buch mehr dazu.

 

Selten habe ich derart freundliche wie hilfsbereite Menschen kennengelernt. Egal ob in der Stadt oder auf dem Land. Davon können wir Schweizer uns eine grosse Scheibe abschneiden. Die Hektik, die den Westen im Alltag überfällt, ist hier schlicht nicht auszumachen. Sicher, hier ist Arbeitslosigkeit und die Altersvorsorge ein Thema und Problem. Doch hier organisieren sich die Menschen und machen aus der Not eine Tugend. Viele sind Selbstversorger, auch beim Wein. Georgien gilt übrigens als der Ursprung des Weins. Vor etwa 8'000 Jahren haben sie hier Wein bereits produziert. Die Herstellung und der Geschmack der Weine sind öfters gewöhnungsbedürftig, aber auch einmalig. Die Vielfalt an Weinen ist kaum vorstellbar.

 

Die Böden, das fehlende Geld und somit auch der fehlende Dünger produzieren Gemüse, Früchte, Käse, Fleisch und Fisch mit ausserordentlichem Geschmack. Ferrero Schokolade, der bekannte Babybrei Hersteller aus Deutschland oder ein führender BIO/Demeter-Detailhändler sind nur einige, die das auch entdeckt haben und hier produzieren. Geschmack ohne Ende zu unschlagbaren Preisen.

 

 

 

 

Spiesse d.h. Schaschlik
Supra: Georgische Tischtafel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenn Georgier Autos in der Schweiz kaufen, füllen sie diese mit allem Nützlichem, was es gibt. Denn der Inhalt der Occasionen-Autos, die nach Georgien gebracht werden, ist nicht zu versteuern. Pfiffige georgische Importeure nutzen das. Was sie an Maschinen und anderem Transportgut in Kombis und Lieferwagen reinquetschen, verblüfft.

 

Landschaftlich hat Georgien alles zu bieten. Ich kenne kein Klima, dass nicht irgendwo in Georgien herrscht. Dazu kommen die Berge und die abgelegenen Seitentäler, wie im Tessin oder Bündnerland. Wer lieber das Wasser hat, geht Richtung Schwarzes Meer. Weite Ebenen mit Walnussbäumen, riesige Fischzuchten, Weinberge, Granatapfel- und Olivenplantagen, Gemüse-, Erdbeer-, Korn- und Weizenfelder soweit das Auge reicht. Die Schafherden ziehen wie anno dazumal über die Felder. Jetzt, im Herbst (Ende Oktober und Anfangs November) ist im Osten Georgiens das Laub am Boden und im Westen Georgiens beginnt der Wald sich langsam zu färben. Vielerorts ist er noch grasgrün. Die Vielfalt an Vögeln ist riesig, doch ohne Feldstecher wenig erkennbar oder gar zu benennen. Auf den Strassen auch immer wieder Kuhherden und Schweine. Die Kühe wie die Schweine sind um einiges kleiner. Wo Milch produziert wird, sind die Kühe (Schwarzweiss) ebenfalls viel kleiner als bei uns. Obwohl wir einige Kuhfarmen gesehen haben, sah ich keine einzige Hochleistungsmilchkuh, wie sie in der Schweiz üblich sind. Also Zuchterfolge, wie wir sie in der Schweiz hatten, sind hier die Ausnahme. Woher auch, wenn das Geld an allen Ecken und Enden fehlt?

 

 

Der Infrastruktur ist auch geschuldet, dass die Immobilienpreise noch vernünftig sind. Da Georgien weder zur EU noch so richtig zu Asien gehört, hat die Regierung in den letzten Jahren viele liberale Gesetze auf den Weg gebracht. Das lockt Investoren, digitale Nomaden, Unternehmer und Menschen wie mich an. Meine Fragen sind diese: Wo lege ich meinen Lebensmittelpunkt fest für meinen Lebensabschnitt 60Plus? Wie bleibe ich gesund? Wie werde ich alt? Was macht mich glücklich? Vieles davon wird in meinem Buch stehen.

 

Georgien ist ein Land, wie ich es so noch nie angetroffen habe. Die Lebensqualität ist hoch. Die Zeitverschiebun­g gering. Wenn ich beruflich tätig sein möchte, könnte ich optimal meinen Tag mit 3 Stunden Vorsprung auf die Schweizer Zeit planen und gestalten und mit Menschen in der Schweiz im Kontakt stehen. Ganz anders, als wenn ich nach Asien oder Süd-, Mittel-, Nordamerika und Kanada auswandern würde. Krankenkassen­deckung gibt es für die oberste 1. Klasse hier schon ab 300 EURO im Jahr inklusive den Zahnarztkosten. Die Lebenshaltungskosten sind um einiges billiger als in Indien oder Asien.

 

Doch das Wichtigste, dort kann ich als Unternehmer etwas gestalten. Die Unart, dem Unternehmer Hindernisse in den Weg zu legen oder schlimmer Gesetze zum Schutze einiger weniger Grosser in Kraft zu setzen. All das fehlt in Georgien. Jeder, der anpacken will und hilft das Land vorwärts zu bringen, ist willkommen.

 

 

Wie mein künftiges Lebensmodell aussieht und wie ich mir das finanziere und ermögliche, darüber schreibe ich. Also alles, was ich meinen Lesern vermittle, wende ich für mich selbst an. Genau das ist es, was heute zu oft fehlt: Skin in the Game. Meine Entscheidungen, Vorgehen, Strukturen sind nachvollziehbar und ich erbringe den Nachweis über eine unabhängige externe Stelle. Der Nachweis ist das zentrale Element, denn genau das fehlt bei den meisten Experten in der Finanz- und Wirtschaftsindustrie. Oder kennen Sie einen Anlageberater, der Ihnen den Nachweis über seinen Erfolg der Geldanlage erbringt? Welcher Berater oder Experte erbringt den Nachweis über seine «Ratschläge»?

 

Das sind Aspekte, die ich für mich als wichtig entdeckt habe. Und für die ich in Georgien und auf meinen Reisen Lösungsansätze gefunden habe. Also: wieso nicht sich viel früher aus dem Hamsterrad entfernen? Wieso warten bis ins Pensionsalter? Und genau das mache ich. Dazu mehr in meinem entstehenden Buch. 

 

 

 

 

Share on Twitter
Please reload

Please reload

© 2017 eckraum // gerold schlegel