Die Mär des armen Entwicklungslandes Tansania

December 27, 2018

 

Der Titel ist Programm und Provokation. Denn für mich sind Tansanier reich. Die Schweiz eher theoretisch reich, in Wirklichkeit meistens arm. Sofern eine klare Trennung zwischen Eigentum und theoretischer Verfügungsgewalt erfolgt.  

 

Zuerst ein paar Eckwerte und Vergleichszahlen. Ende 60er waren knapp 1 Million Menschen in Tansania. Heute sind es fast 60 Millionen (Letzten UN Zahlen). Tansania ist rund 945´000 km2 gross. Die Temperaturen sind seither um mind. 6 Grad gestiegen. Heute ist es im Sommer oft um die 35-38 Grad heiss. Der Ertrag für Fischer im Tag nach 12h Arbeit erschreckend tief. Die Grösse der Fische wie die Anzahl hat extrem abge­nommen. Hintergrund Überfischung im internationalen Gewässer und die Umweltver­schmutzung. Die Chinesen dürfen innerhalb der internationalen Gewässerzonen fischen, alle anderen Nationen nur ausserhalb. Die demografische Entwicklung in Tansania ein Thema das im Stillen abläuft. Der Präsident fordert grössere Familie. Kleinfamilie sei was für faule Menschen. Tansania hätte mehr als genug Land und keine Schwierigkeiten, die Menschen zu versorgen (das bezweifle ich in höchstem Mass). 

 

Das Handy hat sich innert 5 Jahren durchgesetzt. Grossbritannien brauchte 15 Jahre. Die Schweiz mind. solange, wenn nicht länger. Die Dichte ist erschreckend wie verblüffend. Wobei zu sagen bleibt das Festnetz konnte sich aufgrund der Grösse von Tansania nie durchsetzen. Die Handytechnologie ist für die Menschen hier ein Segen. Viele haben 2 Handys. Fahrräder sind dazu schon eine Minderheit im Vergleich. In jedem „Thal“ und kleinsten „Siedlung“ mit 2 – 3 Häusern kann ich Guthaben für Telefonie oder Internet kaufen. Es gibt 2 Methoden: Marken kaufen und via Handy einlesen oder eingeben. Andere Methode ist diese direkt aufs Handy laden. Sprich die Telefongesellschaft kriegt via Handygeldtrans­fer die Knete und der Kunde das Guthaben.Zwei Handys deshalb: Eins zum Telefonieren und eines für WhatsApp. Die Stärke des Netzes ist für grosse Datenmengen wie Bilder oder grosse Dokumente noch nicht ausgerichtet. Eine Frage der Zeit. Mit dem Seekabel müssen die Nachbarländer nun mit Tansania eine Lösung finden, um den eigenen Zugang sicher zu stellen. Ja. Tansania hat sich schon früh die Rechte und Zugänge gesichert - für die mobile Telefonie. Lesotho eines der ärmsten Länder Afrikas wie der Welt, erhält in Kürze 5G Netz. In Tansania werden Zahlungen mit dem Handy realisiert. Auf der Bank oder Post mit dem „gelben Büechli“ - wie in der Schweiz noch üblich – eine Rarität.

 

Anstelle Handy ist Bargeld im Einsatz und zwar USD mit Vorliebe. Das geht soweit, dass der Präsident kürzlich eingriff und die Stärke des tansanischen Schilling lobte. Er verbot offiziellen Stellen den Einsatz von USD. Trotzdem habe ich am Zoll, bei Unterkünften und Nationalparks in USD bezahlt. Seine Aufforderung unmissverständlich – benutzt den tansanischen Schilling. Das macht unser Leben einfach und stärkt die Nation.
Auch hier ist erkennbar wie die Afrikaner altem Wissen aufsitzen. Der USD ist längst nicht mehr die Währung der Zukunft. Hier wäre eher Remnibi die Währung Chinas angesagt. China hat in Arusha vor kurzem eine Bank eröffnet um die Finanzierungen und Kredite einfacher umsetzen zu können. Geplant ist eine Plattform für Firmenkredite.

 

Wer mit Kreditkarte bezahlt, dem wird öfters eine zusätzliche Bankgebühr belastet. Touristen zahlen das anstandslos.  Einheimische verfügen in den seltensten Fällen über eine Kreditkarte. Digitale Währungen wie Bitcoin sind gar kein Thema. Ebenso Sparverträge oder eine Pension vom Staat. Die Altersrente ist erst im Aufbau. Sparen in Afrika, wie wir es kennen, wenig im Fokus bei den Einheimischen. Höchstens beim westlichen Anteil. Dafür – und das ist wichtig - wenig bis gar keine Schulden. Die Tradition von der Hand in den Mund zu leben und von Tag zu Tag zu schauen, omnipräsent. Im Alter sorgt die Familie für das Einkommen. Sprich die Kinder zahlen pro Kopf einen Beitrag.

 

Ich bin hin und her gerissen vom Prinzip Mikrokredit. Erfahre hier beide Seiten. Die Kehrseite, die mich ekelt ist Mikrogeschäft als Unternehmensmodell mit Rendite. Viele springen auf den Zug „Mikrokredit“ auf. Geschickt wird die Hülle oder Verpackung Mikrokredit eingesetzt. Im Inhalt eher Wucher, mindestens Kleinkredit Konditionen. Hier haben viele Häuser, Geschäft und die Familie verloren, weil sie sich eingelassen haben. Bei Verzug der Zahlungen taucht der Geldgeber auf. Nichts von Geduld. Wie weit es Todesfälle (Selbstmord/Abrechnungen) gab konnte ich nicht herausfinden. Gerüchte und Geschichten hingegen zu Hauf. Jeder kennt eine Geschichte dazu. Es ist wie überall es gibt Ausnahmen. Diese zu finden nicht einfach.

 

Übrigens Tansanier sind Reich. In meinem Verständnis. Jeder Tansanier kann Land haben mit einer geringen Gebühr die einem Baurechtszins entspricht. Freies Grundstück – richtig: Ohne Hypothek belastet. Je weiter weg von den Städten umso günstiger. Darauf kann er ein Haus bauen und zur Selbstversorgung Getreide, Früchte wie Gemüse anbauen oder sogar Fisch züchten, wenn genügend Wasser vorhanden ist. Auf den meisten Grundstücken ist Kleinvieh wie Hühner, Ziegen, Esel oder Kühe anzutreffen. Die Kühe werden separat gehalten. Schweine eher in den katholischen Gegenden. Das Gericht dazu heisst Kitimoto: übersetzt der heisse oder feurige Stuhl. Da Moslem in katholischen Gegenden das „Schaf der Katholiken“ essen, machten sich die Tansanier einen Witz daraus. Der heisse Stuhl kommt daher, dass keiner erwischt werden will und entsprechend unruhig auf dem Stuhl sitzt. Daher kommt der Name Kitimoto. Übrigens ein wunderbares Gericht voller Würze.

 

Die Häuser werden mit Ziegelsteinen gebaut. Den Sand hat jeder vor seiner Haustüre. Gräbt ein Loch. Formt mit dem herausgeschaufelten Sand Steine. Die werden aufgeschichtet und gebrannt. Und los geht’s. Das Fundament ist dazu da, in der Regenzeit trockene Böden im Haus zu haben. Sprich das viele Wasser in der Regenzeit abfliessen lassen. Die Küche und die Toilette werden separat gebaut inklusive der Vorratskammer. Die wirklich wichtigen und teuren Lebensmittelreserven werden trotzdem im Haus aufbewahrt. Sicher ist sicher. Toilettenanlagen werden so gebaut, dass keine Leerung der Fassung nötig ist. Die Grundstücke sind frei von Hypotheken. Das ist der springende Punkt zur Schweiz. Schweizer, die ein Grundstück, Haus oder Eigentumswohnung haben, haben  i. d. R. einen Kredit. Faktisch also nicht Besitzer sondern - nur - eine Verfügungsgewalt. Wenn es den Rund geht, sprich die Grundstücks­preise sinken wie z.B. hier in Daressalam kurz DAR genannten, wird diese Verfügungsgewalt zum Bumerang. Der Besitzer kommt in die Pflicht respektive Bredouille seine Hypothek zu reduzieren. Die Bank kündigt die Hypothek oder macht freundlich auf eine Amortisationspflicht innert 6 Monaten aufmerksam. Derselbe Effekt, wenn aufgrund sinkender Zinsen bei einem Mehrfamilienhaus die Mietzinsein­nah­­­men zurückgehen. Oder zur Pensionierung das Einkommen sinkt und die Tragbarkeit von Seiten der Bank in Frage gestellt wird. Was bei einem wirtschaftlichen Einbruch passiert, wenn Menschen arbeitslos werden oder Lohneinbussen in Kauf nehmen müssen, eine andere Misere. Dann wird die nächste Immobilienkrise zu schlagen.

 

Die finanzielle Abhängigkeit steigt mit jedem Franken Schulden. Der Effekt fast derselbe wie mit den Entwicklungsgeldern in Tansania. Oder den europäischen Geldbeiträgen an Griechenland. Die Freiheit unabhängig zu entscheiden ist weg. Die Sachzwänge steigen. Der Effekt ähnlich wie bei einem süchtigen Drogenabhängigen. Es sind immer mehr und grössere Dosen notwendig. Die aktuelle weltweite Höhe der Schulden; Privaten, Staaten und Unternehmen bestätigt das. Auch absurd hohe Löhne führen in die Abhängigkeit, die gezielt gefördert wird.

 

Die höheren Bedürfnisse mit den steigenden Löhnen und Karrierefortschritt wirken sich ebenfalls verheerend aus. Der Drang nach Status und Marken fördert zusätzliche Abhängigkeiten. Ich werde zum Sklaven. Brauche immer mehr Geld um meine Kosten und Bedürfnisse zu finanzieren. Keine freien Entscheidungen mehr möglich. Ich bin gefangen im Hamsterrad. Obwohl Sklavenhandel strafbar ist, wird dieses System zu Hauf gepflegt. Der Effekt ist in den Zentren in Tansania ebenso anzutreffen. Auf dem Land wenig bis gar nicht.

 

Die Medizinischen Folgekosten in der Schweiz aus diesen Abhängigkeiten sind bekannt. Pillen zum Schlafen. Pillen zur Leistungssteigerung oder wachbleiben. Pillen die mich bei guter Laune halten. Pillen die mich ruhig stellen. Für was es alles Pillen gibt in der Altenpflege, lasse ich mal weg. Nicht so in Tansania, hier kriege ich fast jede Pille ohne Rezept. In Tansania sind glückliche Menschen, die viel Lachen und soziale Kontakte pflegen. Die Apotheken schwer zu finden und nicht an jeder Strassenecke anzutreffen. Eines nie vergessen in Tansania; zuerst Familie. Gemeinsam auf dem Feld Schwerstarbeit verrichten und zusammen Leiden, Lachen und Feiern. Und die Frauen sind nach wie vor das Rückgrat Afrikas.

 

Im Süden machen sich viele Dörfer Gedanken wie sie von den Minenbetreibern profitieren können. Jetzt stellt sich die Frage auf Fleisch, Gemüse oder Früchte konzentrieren oder doch nur Avocados und in die Produktionslücke zu springen. Dazu muss Mann/Frau Wissen, dass die Regenzeit in Tansania für die Bewässerung der Avocados reicht. Voraussetzung sind die alten Bäume im Garten. Und nicht die hochgezüchteten schnellwachsenden für Farmen oder Produzenten.

 

Der Pass in Tansania hat eine geringere Wertigkeit als die ID. Auf der ID sind alle Fingerabdrücke, wie Foto hinterlegt. Ohne ID gibt es keinen Pass. Das zu Fortschritt und Nutzung von Technologie. Übrigens auch zur Stimmabgabe ist ein Ausweis zwingend im ID Kartenformat. Tansania das Entwicklungsland, eine Haltung und Denken - schlicht falsch. Bei der Zollkontrolle werde ich säuberlich erfasst: Fingerabdrücke gescannt. Mein Porträtbild aufgenommen und dokumentiert.  

 

Wer eine Geldtransaktion bei einer Bank in Tansania macht, erscheint mit Foto auf dem Bildschirm des Sachbearbeiters. Das Foto des Kontoinhabers ist verknüpft. So einfach ist das. Wenn ich schon mal eine Busse gehabt habe in Tansania – offiziell. Dann ist ein Dossier elektronisch vorhanden. Technik der Verkehrspolizei auf dem neuesten Stand. Für mich wirkt es weiter als in der Schweiz. Ich werde auch noch 150 km nach meinem Übertritt der Geschwindigkeit aufgehalten. Ganz einfach das Radarbild mit Ortschaft wird via WhatsApp weitergeleitet. 

 

Als Privatmann kann ich auch mehr Land kriegen und z.B. Bäume pflanzen. Dieses Holz ist schnellwachsend. Nach 10 - 12 Jahren kann geerntet werden. Über 80 % der Tansanier sind Selbstversorger. In jedem Dorf gibt es eine Kommission, die über die Landverteilung wacht. Geschäftlich genutztes Land hat eine etwas höhere Gebühr. Wenig erstaunlich bei dieser Konstellation. Was der Einzelne aus dieser Lage macht, eine andere Geschichte.

All das bedeutend für mich. Als Schweizer rechne ich mich theoretisch reich. Schulden sind komplett ausgeblendet. Ebenso die Ungewissheit des theoretischen Guthabens auf Vermögensanlagen. Oder wieso steht auf jeder Abrechnung und Berechnung der AHV- und BVG- Berechnungen: die Rente kann abweichen? Massgebend ist der ausbezahlte Betrag. Für mich einzig und alleine der Notausgang für die Anbieter von Altersleistungen: Wenn Zinsen weiterhin auf Minus sind die nächsten Jahre. Und wenn es hart auf hart kommt – Sprich 2008 Teil 2 – ist der Zahlungsausfall oder die Reduktion dokumentiert. Somit sind Klagen von Rentnern in der Schweiz dann wenig erfolgreich. Der Anbieter hat ja drauf hingewiesen. Tansania hat das alles nicht, also kann auch nichts genommen werden.

 

Als Tansanier ändere ich nichts am Eindruck vom Armen Volk. Die Geldquelle des Westens könnte versiegen. Es ist bequem das arme Opfer zu sein. Kenne ich aus der Schweiz. Opfer sein ein populäres Spiel von Politik, Wirtschaft wie Familie oder Schule.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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