Tansania oder die Unplanbarkeit des Lebens

December 1, 2018

Öfters bezeichne ich das Afrika südlich des Äquators als meine zweite Heimat. Dies aufgrund meiner beruflichen Vorgeschichte als Koch in Südafrika (1985/86) und diverser Reisen im südlichen und westlichen Afrika. Der erste Aufenthalt in Ostafrika war diesen Frühling in Kenia und Tansania. Ich habe mich verliebt in den Süden wie den Usambara Bergen von Tansania und deren Bewohner. Alles was ich hier schreibe ist meine Sicht und Erkenntnisse aus Gesprächen wie eigenen Erfahrungen oder dokumentierten Quellen der letzten 3 Jahre aus Wirtschaft, Bildung inkl. Forschung. Meine Sicht ist grundsätzlich positiv wie optimistisch und basiert auf meinen letzten beiden Aufenthalten 2018 und gemachten Erfahrungen.

 

Was ich schreibe ist ein Konzentrat oder Verdichtung der Inhalte und des Erlebten. Ein Grundübel in Bezug auf das Verständnis zu Afrika und Tansania im Speziellen ist der Einsatz von veraltetem und wenig aktualisiertem Wissen. Hans Rosling bringt es in seinem letzten Buch 2018…: FACTFULNESS – wie wir lernen die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist… auf den Punkt. Bei seinen Fragebogen erzielten 2015 Teilnehmer des WEF in Davos, erschreckende Werte. Von 100 möglichen Punkten, wurden nicht mal 30% erreicht. Was soll jetzt bei mir besser sein, wenn nicht mal bestens vernetzte Menschen, mit einem Beraterstab und direktem Zugang zu Informationen es schaffen?Ohne Worte.

 

Meine entdeckten Kultur- und Naturschätze sind wirkliche Schätze, reihen sich nahtlos ein. Je mehr ich darüber spreche umso mehr wird’s mir klar. Bin gerade baff. Dr. Peter Hellmold ist als Arzt für SolidarMed tätig und sorgt für die medizinische Versorgung in abgelegen Regionen. Er ist ca. 150 km (Luftlinie) von meinen Schätzen tätig, entfernt – Premiere und das obwohl seit mehr als 20 in Afrika. Josef Gwerder, der seit 17 Jahren das TanSwiss (Lodge, Camping, Restaurant) betreibt, ist ca. 350 km entfernt (Hauptverkehrsachse) – kennt es nicht. Obwohl er so viele Reiseführer, Botschafter, Unternehmer, Einheimische um sich hat. Die Lodge ist der Treffpunkt, wenns in den Süden geht oder auf dem Rückwegs ist. Letzte oder erste Chance das Westliche zu pflegen.

 

- Steinerne Karte Afrikas

- Strahlender Stein/Tal

- Schwarzes Haus

 

Mann mit 32 Ehefrauen ohne je einen Brautpreis zu bezahlen – 87 KinderDie Strecke von Nairobi nach Arusha eine Geschichte für sich. Afrikanischer Verkehr vom Besten. Orientierung nach vorne oder auch nicht. Hinten schauen Andere. Der Schwächere gibt nach. Denn aus zwei werden schon mal 3 oder 4 Spuren beim Überholen. Das, wenige Gesetze die ungeschrieben gelten. Die Polizei von Tansania hat Bussen zum Geld eintreiben entdeckt, wie die Schweizer. Standardsituation: Eine drei- bis vierspurige Strasse mit einer langsamen Linie für LKW und Busse. Geschwindigkeitsbe­grenzung 50 km/h, es geht den Berg runter. Am Fuss wartet die Polizei mit den ausgereiftesten IT-Gadgets. Foto gleich auf Handy. Rechnung mit Kartenlesegerät blitzschnell afrikanisch erfasst mit Name, Pass, Handy Nr. und Führerschein Nr. - Alles feinsäuberlich ausgedruckt. Umgerechnet kostet jede Busse etwa gleichviel TZS 30‘000.- (CHF 15 - 20.-). Je näher an Städten und Agglomerationen umso mehr werden auch Sicherheitslinien, Gurten tragen und anderes mehr geahndet. Kann auch mal sein, aus lauter Langeweile mal, einen Ausländer aufhalten (siehe Blog Beitrag Chai)

 

Die Umrüstung der Bevölkerung von Festan­schluss auf Handy dauerte nur mal 5 Jahre. Der Staat hat sich in diesem Bereich äusserst Smart verhalten, Nachbarstaaten haben das Nachsehen und müssen sich bei Tansania anschliessen (Zugang Seekabel). Für den gleichen Schritt benötigte England 15 Jahre. Fast jeder Bewohner verfügt über ein Handy, hingegen nicht über ein Fahrrad. Ein Wunder das das geht und das alles mit einem der tiefsten Einkommen und höchsten Armut in Afrika. Auch ein Masai, der traditionell wohnt und lebt, verfügt über eine Emailadresse die wöchentlich zu Marktzeit abgerufen wird. Verblüffend: Kein Bankkonto hingegen ein Handy. Zahlungsverkehr ohne Bank ist in Tansania die Regel und keine Ausnahme wie in der Schweiz.

 

Tansania das Land der Widersprüche, Traditionen und Regeln. Moderne gepaart mit den Ritualen und Verpflichtungen einer Grossfamilie. Tansania mit seinen knapp 130 Völkern (Stämmen/Tribes), ein hartnäckiges Volk, das sich erfolgreich wehrt gegen Einflussnahme, wie die Gallier bei Asterix und Obelix. 200 Jahre vehementem Festhalten an bekannten Glaubensvorstellungen und Hierarchien zeugen davon. Was schon die gross mündigsten Organisation­en alles versucht haben, von Kirche ganz zu schweigen. Tansania bleibt Tansania: Heute Leben, Morgen ist morgen. Lachen hilft.

 

Gesegnet mit einem unglaublichen Naturreichtum/-vielfalt. Es gibt Nationalparke die ¼ so gross sind wie die Schweiz. Tierschutz und miteinander leben im Dauerkonflikt z.B. Masai leben in oder am Rand der Nationalparks. Sie wollen zu Recht ihre Traditionen aufrechterhalten. Obwohl sie kein Fleisch von wilden Tieren essen. Im Süden Richtung Mozambique Malawi und Sambia dann Acker-, Gemüse- und Früchteanbau. Die Usambara Berge die Gewürze-, Tee-, Kaffee-, Früchtekam­mer und der grösste Wasserstromlieferant Tansanias. Am bekanntesten ist das Usambara Veilchen. In vielen Haushalten und Gärten der Schweiz anzutreffen.

 

Daressalam, Sansibar und die Gegend um Serengeti, Ngorongoro Krater, Kilimandscharo sprich Arusha sind die Tourismus Hochburgen. Die Eintrittspreise für Ausländer wie Selbstfahrer sind jenseits von Gut und Böse. Trotzdem gelangen die zusätzlichen Mittel nicht an den Ort wo sie hingehören. Ein Beispiel dazu ist, dass eine Brücke 3x finanziert werden musste bis zur Fertigstellung. Mittel versickern schnell in den vielen Taschen der Grossfamilie. Dasselbe mit den Kleidersammlun­gen. Zuerst bedienen sich hohe Beamte, der Rest wird auf dem Markt verkauft. Nicht im Sinne des Erfinders.

 

Die Jagd der grösste wirtschaftliche Sektor vor dem Tourismus. Die wird vorwiegend in abgelegenen Nationalparks betrieben. Da gibt es Gebiete, die speziell für die Jagd reserviert sind. Als normaler Besucher (Fotojäger) kein Zugang. Dazu kommt die wenig ausrottbare Wilderei. Ein Widerspruch folgt dem Nächsten. Das Bsp. mit dem Ruaha Nationalpark wo in den letzten 5 Jahren über 65‘000 Elefanten ihr Dasein verloren – gewildert. Die Abgeschiedenheit fördert und stärkt diesen Zustand. Der Umgang mit Wilderern in den Konsequenzen ist keine Abschreckung. Alles und niemand beteiligt – offiziell.

 

Die Chinesen haben das Land genauso in der Hand wie korrupte Beamte und Regierungsmitglieder in den höchsten Kreisen. Als Geschenk erhielt die chinesische Regierung kürzlich 100‘000 Hektaren bestes Farmland geschenkt, etwas südlicher von Arusha. Der Ausbau von Strassen und Hafen gehen dito vorwärts, so ist das Rohmaterial auf dem kürzesten Weg exportiert. Lebensdauer einer chinesischen gebauten Strasse ist 5 - 6 Jahre ohne Löcher. Dabei bringen Chinesen alles mit: Material, Maschinen, Geld und Menschen. Die Qualität der norwegischen, französischen, italienischen oder koreanische Strassen wird bevorzugt.

 

Was sich hier im Grossen abspielt nehme ich in der Schweiz wahr. Teilweise lese ich in Wirtschaftszeitungen, dass diese oder jene Firma sprich Immobilien an russische, arabische, chinesische oder weiss ich was für Investoren verkauft wurden. Hingegen nie im Ausmass wie es hier erkenn- und spürbar ist. Einziges Ziel den schnellen CHF oder TZS vor Augen. Identisch ist die lahme und inflationäre Argumentation von Kosten senken, Kundennutzen erzeugen etc. Dabei wird einzig sprich meistens die Qualität des Produktes reduziert, Serviceleistungen abgebaut und der Kunde zum Mitarbeiter gemacht.

 

Strassen der Wirtschafts-, Tourismusströme, auf Hauptachsen, in der Nähe von internationalen Organisationen, Polizei, Armee, Schule, Spitäler oder grösseren Zentren und Städten fast nahezu perfekt. In Dörfern, die gegen den aktuellen Präsidenten stimmten eher Ackerwege, Wellblechpisten, ausge­schwemm­­te Buckelpisten, Pfade etc. Alles ist möglich bei unwichtigen Dörfern oder unlieben wie unbequemen Zeitgenossen und Organisationen. Menschen die zu deutlich sind in ihrer Meinung werden weggesperrt. Der an den Tag gelegte Schein, Quasi wie im Hollywoodfilm und bei zu vielen Zeitgenossen beinahe Inflationär.

 

Ob die Fähre fährt, Strom aus der Steckdose oder Wasser aus den Hähnen kommt eine andere Geschichte.

 

Einer der höchsten Mitarbeiter einer internationalen Organisation die sich für Kinder einsetzt, hat sich ein gröberes Grundstück gekauft und bebaut für seine Grossfamilie - in Arusha. Zwei Meter hohe Mauer mit Nato Stacheldraht umgibt die so geschützten Innereien. Zum beeindrucken auch der Fahrzeugpark. Dazu ist wichtig zu wissen, dass die Steuern auf Autos hier unglaubliche 100% auf dem Kaufpreis betragen. Steuerbefreite Organisationen (Staaten und Privat) inkl. Kirche sind von der Steuer ausgenommen, wenn die Autos beruflich notwendig sind. Spendengelder, und das ist ein offenes Geheimnis in Tansania, werden zuerst für Infrastrukturaufbau verwendet. Dazu gehört auch der private statusgerechte Auftritt. Alles klar?

 

Die vielen Organisationen schüren weitere Begehrlichkeiten, die wenig helfen, eigenständig zu werden. Ein Bruchteil der Gelder kommt jemals an. Vorher ist der Bedienungsladen offen für hohe Beamte und deren Stämme. Die UNO ein anderes Bsp. das mich ärgert. Am höchsten Punkt Ausgangs Arusha wurde mit viel Aufwand das Quartier gebaut. Die Zufahrt ca. 3 km bestens geteerter Asphalt. Mit eigenem Polizeischutz. Das Klotzen beschämt. Gebäude, Infrastruktur und Fahrzeugpark kann nicht genug kosten. Ebenso das Recht auf der Strasse im Konvoi mit Blaulicht, Scheinwerfer an und übersetzter Geschwindigkeit in der Mitte der Strasse zu fahren. Alles muss weichen. Die sambische Finanzexpertin Dambisa Moyo und der kenianische Ökonom James Shikwati fordern schon lange das Ende der Entwicklungsarbeit. Das neue Buch „Skin in the Game“ von Nassim Taleb bestätigt das Ganze. Die Lebenskonzepte vom Westen und Afrika sind wenig kompatibel und schüren soziale Konflikte. Erschwerend kommt dazu, dass das Wissen über Afrika im Westen veraltet d.h. nicht a jour ist.

 

Genau diese vielen Widersprüche machen Tansania so einmalig. Gegensätze ohne Ende. Das pralle wie facettenreiche Leben. Das System Grossfamilie: Wer mehr hat, der gibt dem der weniger hat. Bsp. Altersrente Grossfamilie mit 3 Frauen und 23 Kinder = pro Kopf monatlich an Eltern TZS 50‘000 .-.

 

Landbesitz ist für jeden Tansanier möglich zu unglaublich günstigen Konditionen. Jedes Dorf hat eine Kommission die, die Verteilung regelt. So Arm wie wir uns die Bewohner Tansanias denken, so reich sind sie. 95% der Selbstversorgung ist möglich. Einzig Salz, Zucker und Mehl muss zugekauft werden. Je nach Region sogar nur Salz. Auf den meisten bewohnten Grundstücken im Süden stehen Bäume voller Mangos, Bananen, Äpfel, Pflaumen, Avocados (ohne Bewässerung, 2 Regenzeiten reichen). Je nach Region dann zusätzlich Reis, Ananas, Mais, Kartoffeln, Zwiebeln, Zuckerrohr, Tomaten, Kohl, Yam, Maniok, Orangen, Mandarinen, Zitronen ja auch Sisal oder Cashewnüsse. Die Frucht habe ich leider verpasst. Das hebe ich mir für später auf. Ja genau. Cashewnüsse sind ein Abfallprodukt einer sensationellen Frucht. Leider nur wenige Tage haltbar daher eher unbekannt.

 

Die katholische Kirche kriegt keine Mittel von Rom. Ein Pfarrer hat hier keinen Lohn. Ein kleines Handgeld und freies Essen und Wohnen. Er hat sich selbst zu organisieren und entsprechend viele Funktionen und Aufgaben. Wie das geht werde ich separat beschreiben auf meinem Blog.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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