Arusha; Kaffeeblüte/-farm: Burka und Mondul

November 19, 2018

Arusha die viertgrösste Stadt Tansanias. Ein emsiges Treiben wie bei Ameisen oder Bienen, einfach etwas chaotischer. Der Ort, wo knapp 1 Mio. Touristen durchgeschleust werden. Wo das zu Hause des UN Tribunal zur Aufklärung des Genozides in Ruanda ist. Die UN beschäftigt in Arusha ca. 800 Mitarbeiter. Die 4 beteiligten Gerichtshöfe des UN Tribunal kosten pro Jahr schlappe USD 250 Mio. ein Bsp. wie Geld in Afrika versickern kann, denn es wurden bisher nur etwas über 50 Fälle verhandelt.

Die Landwirtschaft, Rohstoffverarbeitung von Kaffee, Zucker, Tee, Sisal, Kokosfasern und Nahrungsmittelproduktion (Milch, Käse, Brauerei, Fleischverarbeitung) sind wichtige Pfeiler für Beschäftigte ausserhalb des Tourismus. Das angenehme Klima auf 1‘300 m. ü. M. mit trockenen Sommern und kühlen Abenden und Nächten nach der grossen Regenzeit sowie die beste Infrastruktur Tansanias machen das Leben einfach.

Hier besuche ich zwei Kaffeeplantagen. Die Burka  gleich ein Steinwurf neben der Stadt und Mondul in den Bergen auf 1‘700 m. ü. M. Der ehemalige Farmleiter Toni Schwaller zeigt mir die beiden Farmen und die Verarbeitung. Jetzt im Alter von 79 Jahren ist er immer noch im Unruhestand. Begonnen hat seine Karriere mit einer Sisalplantage mit 8‘000 Hektaren im Jahr 1965. Anstelle sich ins gemachte Nest zu Hause in St. Antöni auf dem elterlichen Bauernbetrieb zu setzen wollte Toni etwas von der Welt sehen. Dazu mehr an anderer Stelle.

Ein Privileg: Bei der Ankunft in Arusha gerate ich in die Kaffeeblüte. Wenn bei uns die Kirschen, Obstbäume und Aprikosen blühen dauert die Blütezeit ca. 10 Tage. Beim Kaffee max. 1-2 Tage, am 3. Tag grösstenteils braun mit wenig weissen Stellen. Der Geruch erinnert an Yasmin, nur weniger intensiv. In den blühenden Feldern zu spazieren ist Genuss pur. In Tansania wird 2x geerntet und geblüht. Auf der Bergplantage stehen gleichzeitig rote, grüne, schwarze und gelbe Kaffeebeeren mit der Blüte zusammen am gleichen Ast. Faszinierend. Ein Geschenk sondergleichen. Und in keiner Art und Weise so geplant.

Die Anfahrt zur Mondul Farm ist eine einzige Schlaglochpiste. Die Terrassen der früheren Farmer sehen haarsträubend aus - zerfallen. Erst viel höher am Berg werden die Terrassenbauten wieder unterhalten. Diese Entwicklung ist überall in Afrika zu sehen, wo fleissige „weisse“ Farmer ihre Höfe wegen politischer Unruhen verlassen, Verstaatlichung oder Krieg. Bestes Ackerland überwuchert und die gebaute Infrastruktur zerfällt. Planen und bauen in die Zukunft ist ein mir heute verständliches Fremdwort in Tansania: Leben findet heute statt, Morgen ist morgen. 

Links und rechts der Strasse ist die Erosion der Erde dominant sichtbar. Wenn es regnet kommen unvorstellbare Mengen von Wasser den Berg runter. Die grossen Wassereinschnitte sind teilweise mehr als 4-6 Meter tief und sicher 2-3 Meter breit. Die Strasse mehrfach überspült und geflickt. Der unterlassene Unterhalt an den Terrassenbauten steht in direktem Zusammenhang mit der Erosion.   

Die von der Mondul-Farm gebaute Strasse und Stromversorgung wird heute von allen angrenzenden Haussiedlungen genutzt. Entsprechend ist die Versorgung. Die ursprüngliche Motivation von Mondul war der günstigere Strom anstelle des Dieselverbrauchs bei Generatoren. Heute müssen wieder Generatoren eingesetzt werden, da die Stromversorgung hohe Schwankungen aufweist oder auch mal komplett ausfällt.   

Die Qualität ist das zentrale Thema beim Kaffeeanbau. Es wird immer mehr die beste Qualität nachgefragt. Aufkäufer wie Starbucks machen wenig sinnvolle Auflagen wie den Bau von Toilettenhäuschen zwischen der Kaffeeplantage. Sobald sie stehen, ist der Beginn des Zerfalles offensichtlich, da niemand die Toilettenhäuschen nutzt. Auflagen zu machen beim Schnitt des Kaffeebaumes, wären für den Einkäufer wesentlich sinnvoller. Da entscheidet sich ob ich 2x mit Kupfer spritzen muss oder 4-6x. Je mehr es gelingt Etagen, also verschiedene Ebenen zu gestalten, umso direkter kann das Kupfer eindringen und effizienter wirken (bevor ich es vergesse: BIO Bauern in der Schweiz dürfen auch Kupfer spritzen). Blätter und Bohnen trocknen schneller. Das ist in der Regenzeit absolut wichtig wegen den Schädlingen. Schädlinge wirken auf nassen Blättern wahnsinnig  schnell. Bis vor 10 Jahren schnitt ein Kaffeeschneider 30-40 Bäume pro Tag. Heute sind 60-70 Bäume das Soll. Entsprechend leidet die Qualität, da alles schnell gehen muss. Der Kostendruck geht absurde Wege, die langfristig Erträge mindern. Kurzfristig wird hingegen die Marge erhöht, so verrückt es klingt.  

Wenn der Laie einen Kaffeebaum gesehen hat der über Jahre optimal geschnitten wurde, erkennt er blitzschnell die Verfassung einer Kaffeeplantage. Die Bäume sind akkurat ausgerichtet. Die Äste voller Kraft und Energie in der Waagerechten. Jedes Stockwerk freie Sicht auf den Hauptstamm. Keine saft- und kraftlosen hängenden Triebe mit ein paar Bohnen am Ästchen.

Bei der Fermentierung der geschälten Kaffeebohne gehen die Kaffeeproduzenten neue Wege ähnlich dem Niedergarprinzip oder Sous vide in der Küche. Der Prozess der Fermentierung wird verzögert und ausgedehnt – bis zu 90 Stunden, um mehr Aroma in der Rösterei zu erhalten. Traditionelle Sortierung der Bohne nach Qualität mit Wasser und wenig Stromeinsatz wird ersetzt mit Maschinenkraft. Die Bohne wird immer öfters maschinell bearbeitet. Vom Silotrichter der Anlieferung der Kaffeebohnen, gelangen diese mit einer Schnecke (Rohr mit Spirale) in Bewegung. Sprich in die Höhe geschraubt wo sie ein erstes Mal gewaschen, sortiert und geschält runter fallen auf die nächste Station. Im zweiten Durchgang wird die 2. Qualität von den schlechteren getrennt. So erstaunlich es klingt, der Wasserbedarf geht zurück, im Vergleich mit der traditionellen Methode des Wasserflusses. Die mit Wasser betriebene Sortieranlage hat leichtes Gefälle. Da schwimmt die Kaffeebohne bester Qualität obenauf. Die Investitionen in die Technik, Maschinen, Strom, Unterhalt und Abhängigkeiten steigen mit der neuen Methode jedoch überproportional. Arbeitskraft ist einfacher verfügbar. Wobei die Gewerkschaften hier ein eigenartiges Lied singen. Sie setzen den tiefsten wie höchsten Lohn fest. Ein Farmer kann sich nicht darüber hinweg setzen. Wenn er es trotzdem wagt, kriegt er Probleme ohne Ende.

Ich habe das Glück gehabt einen Kaffeebaum zu sehen der über 100 Jahre alt war, beim Ausgraben schon stolze 85 Jahre. Jetzt steht der ca. 1 Meter hohe Kaffeebaumstrunk seit über 20 Jahren in Arusha, im Heim von Toni Schwaller. Beeindruckend. 9 starke Äste mit 8-15 cm Durchmesser. Kein Vergleich zu den heutigen Durchmessern der Ästchen.

Die Kaffeepflückerinnen dürfen ihre Kinder nicht mehr mit aufs Feld nehmen – Kinderarbeit. Die Auswirkungen sind frappant. Die Mutter geht aufs Feld und erntet die Bohnen, was aufwendige Handarbeit ist. Die Beeren am Boden lasen die Kinder früher spielerisch zusammen. Heute verboten.  Deshalb bleiben heute mehr Bohnen liegen als früher. Ausser ein penibler Aufseher (Gruppenchef) der Frauen wühlt mit seinem Stock im Laub. Auflesen darf das dann die Kaffeepflückerin. Wo beginnt Kinderarbeit und was sind Beiträge an die Gemeinschaft? Die Kaffeepflückerin wie der Kaffeeplantagenbesitzer haben entsprechend kleinere Ernte und Einkommen. Was auf den Boden fällt wird so nur noch teilweise aufgelesen. Schade, die Kinder kommen um eine Erfahrung, die sicher nützlicher ist als alle Technikspiele und Fernsehsendungen. Technologie – Versus – Kinderarbeit. Wo beginnt das? Was ist nützlich und was schädlich? Ich wünsche mir mehr Differenzierung ohne sofort verurteilt zu werden.

Auf der Mondul Kaffeefarm habe ich den ganzen Arbeitsprozess vom Pflücken, Wägen und Verarbeiten bis zur Fermentierung gesehen. Auch wie die 124 Arbeiterinnen hin und her transportiert werden, wenig vorstellbar. Ein Weg mind. 1h. Es stehen 2 LKWs bereit. Auf dem geschlossenen LKW, wo die Fenster vergittert sind, stehen die Frauen dicht an dicht. Auf dem offenen Brügge Wagen sitzen sie dicht an dicht auf ihren leeren Plastikkübeln. Die können bis zu 18kg schwer sein, wenn sie voll sind. Neben dem Dicht an Dicht sitzen, Schwitzen, Lärm, Geholperte und Gerüttelte, kommt der Staub dazu.

Das Los einer Kaffeepflückerin ist für „Westler“ wenig vorstellbar. In der Früh steht die Frau auf füttert die Tiere, weckt Kinder und Mann, macht Frühstück. Zuerst werden die Kinder versorgt, dann der Mann. Was übrig bleibt ist das Frühstück der Frau. Dann geht es zu Fuss zur Sammelstelle wo sie abgeholt vom LKW wird, ca. 2-3h der Arbeitsweg pro Tag. Am Abend dasselbe mit dem einzigen Unterschied, dass der Ehemann die ehelichen Pflichten auch einfordert.

Trotzdem lachen diese Frauen viel. Als ich durch die Kaffeeplantage am Berg durchlief, waren Stimmen und Lachen der vielen Frauen aus allen Richtungen zu hören. Kaum hat Toni den Mund aufgemacht ging das Geschnatter los. Freude. Lachen. Kundtun, dass die Zeiten schwer sind. Auch die Gruppenchefs suchten den Kontakt. Die Wiedersehensfreude gross. Alle 124 Pflückerinnen kamen von der Burka Kaffeeplantage, wo Toni 17 Jahre gearbeitet hat. Viele der Frauen hat er noch persönlich angestellt. Die Ernten sind zeitverschoben wegen der Meereshöhe.  

Übrigens die Kaffeebohne kann nicht einfach abgeerntet werden. Je nach Reifezustand wird Reihe um Reihe durchgegangen. Von Kaffeestock zu Kaffeestock. An jedem Zweig die Roten, Gelben und Schwarzen Beeren ablesen, die Grünen stehen lassen. Handarbeit die maschinell kaum zu bewerkstelligen ist. Flinke Hände, die verblüffen. Die schwarzen Kaffeebohnen haben die schlechteste Qualität. Eine Pflückerin muss das Gleichgewicht der Verhältnisse finden. Zu viele schwarze Beeren und der gesamte Inhalt des Kübels werden ohne Lohn weggeschüttet.

Die Sammelstelle der Pflückerinnen, um ihre Kübel zu wägen, ist ein spezieller Ort. Alles bereit. Zwei riesige anthrazitfarbene Baumwollplanen sind bereits ausgebreitet vor Ort. Keine Bohne soll verloren gehen. Der bereit gestellte Trinkwasserwagen wird rege genutzt. Einige der Kaffeepflückerinnen schneiden noch etwas Gras für die Tiere zu Hause oder sammeln Holz für das abendliche Kochfeuer. Auf der einen Plane machen sich 4 geschäftstüchtige Frauen bereit. Diese kaufen den Frauen vorgängig die gepflückten Kaffeebeeren ab zu TZS 1‘200.- anstelle der üblichen TZS 1‘500.-. Je länger die Wartezeit dauert umso mehr Zuspruch erhalten diese. Wie weit diese Damen mit der Grossfamilie des nächst höheren Arbeiters in Zusammenhang stehen, bleibt ein Geheimnis. Ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, dass hier ein Geschäftsmodell à la Tansania gepflegt wird.

Der Unmut der Frauen wird immer grösser je länger das Warten andauert. Der Kaffee selbst wird für TZS 10‘000.- geröstet und gemahlen verkauft. Umgerechnet CHF 4.50 bis CHF 5.- und abgepackt in Plastiksäcken. Man rechne: Die hartarbeitende Kaffeepflückerin bei Sonne wie Regen, erhält für ihre Mühe gerade mal knapp CHF 0.50 pro Tag. Wer die Verpackung mit dem Luftventil will – wie in der Schweiz üblich - zahlt doppelt so viel. Der Kaffeegenuss hat eine neue Dimension für mich angenommen. Dank an die Frauen. Sie sind übrigens das Rückgrat Tansanias. Tatsache. 

Was mich von den Socken haute war, dass die Kaffeepflückerinnen am Schluss des Tages die schweren Kübel zu den Traktoren bringen. Die Männer auf dem Brügge Wagen die Säcke offen hielten. Die Säcke auf den Boden zu stellen und das Einfüllen erleichtern ein Fremdwort. Erst dann können sie pro Kessel einen „Knipser“ auf der „Lohnkarte“ erhalten. Die Entwertung ist eine Art Prägung mit einem aufwendigen Sujet um den Nachbau zu verhindern. Tansanier/-innen sind kreative Wesen und haben schon mal 2‘000 Kübel ohne Leistung bezogen.

Gespannt bin ich auf das Ergebnis der Probebohrung nach Wasser mit modernsten Technologien und Software. Alles wurde berechnet wie sich der Berg über die Jahrmillionen verändert hat und wo jetzt Wasser sein müsste.  Erstaunlich ist, dass Toni mit herkömmlicher Elektroden Methode an anderen Orten Wasser angezeigt bekommen hat. Seine Arbeit Schweisstreibend wie aufwendig. 10 Tage lang kreuz und quer durch die Kaffeeplantage. Wo es anzeigt und/oder er Wasser vermutet, immer kleinere Kreise gehend. Wer Wasser findet wird sich erst nach meiner Heimkehr herausstellen. Gespannt bin ich allemal und ich würde es Toni von Herzen gönnen, wenn Leidenschaft, Engagement, und Erfahrung, Wasser finden. Praxis wäre 1x mehr der Theorie Überlegen. Kostenseitig könnten mit den eingesetzten USD 50‘000.- mind. 5 – 8 Wasserlöcher, auf traditionelle Art gefunden werden.

Auf dem Weg nach Norden gibt’s nochmal einen Zwischenhalt in Arusha. Dann werde ich einen der 12 Masai Chefs vom Lake Natron in seinem Grossfamilien Dorf besuchen. Mache mir jetzt schon Gedanken was ich für eine Geschenk Futter Kiste mitnehme – kein Geld.     

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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